Do 24. Feb 2011, 10:03
Formen des Gesprächs im Drama
Die FIGURENREDE im DRAMA wird unterschieden nach der Konfiguration (Dialog als Zwiegespräch --- Dialog mit mehreren Gesprächsteilnehmern --- Monolog) sowie der Struktur der Kommunikation:
1. Verhörgespräche (Gespräche und Dialoge mit dem Gestus des Verhörens): In ihnen wird der Modus der Kommunikation von vornherein eingeschränkt durch die institutionell festgelegten (meta- kommunikativen) Beziehungen der Sprecher, der Verhörenden und Verhörten, und die darin gegebenen Handlungszwänge, die eine symmetrische Verteilung der Chancen, Sprechakte zu wählen und auszuüben, grundsätzlich ausschließen.
Geltungsansprüche sind demnach in den institutionellen Normen und Randbedingungen des Verhörs festgesetzt und können kaum noch problematisiert werden, so daß im Verhör die Umrisse herrschafts- gebundener Kommunikation deutlich werden.
Unter bestimmten Bedingungen kann es zu einer den institutionellen Rahmen (allerdings nur vorüber- gehend) aussetzenden Umbiegung und Verkehrung der Beziehungen kommen, die darin bestehen, daß der Verhörende mit einmal in der Stellung und der Rolle des Verhörten sich befindet.
Beispiel: George Bernard Shaw: "Die heilige Johanna", 6. Szene (Johanna - Inquisitionsgericht)
2. Interviewgespräche (Gespräche mit dem Gestus des Befragens und Erkundens): In ihnen schiebt sich die Ebene der Verständigung über "Gegenstände" (Äußerungen, Dinge, Ereignisse, Personen) in den Vordergrund (Inhaltsaspekt), so daß die Ebene der Metakommunikation zunächst eher unauffällig bleibt. Vom Verhör ist diese Form des Gesprächs dadurch abgehoben, daß der institutionelle und konventionelle Rahmen, auf der Ebene der Sprecher-Beziehungen, Gleichberechtigung (Symmetrie) vorgibt. Indessen hat das Interviewgespräch aufgrund der ihm eigenen einseitigen Verteilung von Fragen und Antworten die Möglichkeit, sich dem Verhör anzunähern, sobald der Fragende in seiner Art des Fragens bestimmte (von ihm verdeckt gewollte) Antworten unterstellt, d. h. Vorgriffe auf bestimmte Antworten in seine Fragen einführt.
Beispiel: Heinar Kipphardt: "In Sachen J. Robert Oppenheimer", 7. Szene (Oppenheimer - Sicherheits- ausschuß)
3. Enthüllungsgespräche (Gespräche mit dem Gestus des wechselseitigen zudringlichen Enthül-lens, Entlarvens, Demaskierens): Sie sind häufig regressiv-analytisch (rückwärtsgerichtet), weil die Sprecher in wechselseitig sich steigernder und übersteigernder Anstrengung und Selbst-Behauptung, die auf Unterwerfung des anderen ausgehen, "Gegenstände" und die an ihnen haftenden Beziehungen zu enthüllen versuchen, die in der Vergangenheit und der Erinnerung aufgehoben sind. Demzufolge ist ihre Struktur symmetrisch (was die Stellungen der Sprecher zueinander betrifft: eine Form gleichsam unversöhnlicher Symmetrie allerdings); ihr Ablauf ist durch "symmetrische Eskalationen" gekennzeichnet (Watzlawick).
Sie dienen folglich auch nicht vordringlich der Verständigung über Gegenstände, in ihnen werden vielmehr insbesondere die Beziehungen und Haltungen der Sprecher zueinander thematisch: die Ebene der Metakommunikation schiebt sich in den Vordergrund. Daraus resultiert, daß die Kommunikation auf der Ebene der Verständigung über Gegenstände und Inhalte tautologisch ist, d. h. sie bezieht sich auf dieser Ebene immer wieder auf die gleichen Punkte und "Themen" ("Variationen auf dein altes Thema": Albee) und bedient sich gleicher Formeln ("deine alte gute Replik": Strindberg). Sie ist unter diesem Gesichtspunkt zugleich borniert, d. h., sie sperrt sich gegen den Fortschritt des Gesprächs und die in ihm möglichen Klärungen und Lösungen: sie beharrt auf der "Geltung" und den "Geltungsansprüchen" der Sprecher und entzieht sich damit der Historisierung und Problematisierung der Geltungsansprüche (Diskursverhinderung). Wechselseitig wird deshalb immer dem anderen der Vorwurf des Nicht-verstehen-Wollens gemacht, der auch darin begründet ist, daß sich die Sprecher aus dem Zirkel der (metakommunikativen) Handlungszwänge nicht mehr zu lösen vermögen. Das Verharren auf der Ebene der Metakommunikation erfüllt sich letztlich in festgelegten und vereinbarten Spielregeln der Kommunikation, in rituellen Formen des Gesprächs ("Willst du weiterspielen": Strindberg), die durchgängig eingehalten werden und sich bis zu Spielregeln des "totalen Kriegs" (Albee) entwickeln können.
Beispiele: August Strindberg: "Totentanz", 1. Akt (Kapitän - Alice); Edward Albee: "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?", 2. Akt (George - Martha)
4. Zerstreute und zerfallene Gespräche (Gespräche mit dem Gestus der Beziehungslosigkeit und der Zusammenhanglosigkeit: des "Aneinandervorbeiredens"): In ihnen, die eigentlich Un-Gespräche sind und damit den Verlust zureichender Sprechsituationen um so deutlicher zum Vorschein bringen, ist die Ebene der Metakommunikation allenfalls durch ihre Negation angezeigt. Auch eine Verständigung über Gegenstände ist (demnach) nicht mehr möglich, weil völlig verschiedene und unvereinbare Voraussetzungen vorliegen und der Versuch zur Annäherung scheitert oder schon gar nicht unternommen wird. Da die Sprecher darin sozusagen gleichauf sind, kommt es zu einer Symmetrie der Gesprächszerstörung: einer Symmetrie der Sinn-Aufspaltung, die für das "absurde Gespräch" charakteristisch ist. Daß diese Gespräche eben deshalb in ihrem Verständigungs- und Beziehungsleerlauf um so "wortreicher" ausfallen, leuchtet unmittelbar ein.
Beispiel: Karl Valentin: "Der Zufall" (Der Kapellmeister - Karl Valentin)
5. Einschüchterungsgespräche (Gespräche mit dem Gestus des sprachlosen/sprachohnmächtigen Befehlens und Bestrafens): In ihnen zeigt sich die (herrschaftsorientierte) asymmetrisch-verzerrte Kommunikation vor allem darin, daß einseitige Geltung und Geltungsansprüche ohne Begründungen und Einspruchsmöglichkeiten, vorgebracht und fraglos aufgestellt werden. Kommunikation und Metakomrnunikation decken sich in diesem Fall insofern unmittelbar, als die fraglos hingenommenen Sprecher-Beziehungen unausweichlich auch die Verständigung über Gegenstände bestimmen.
Diese Form der Kommunikation hat ihren Grund häufig in gesellschaftlich bedingter Sprachohnmacht (fehlender Sprachkompetenz), in der sich Deformationen der gesellschaftlichen Verkehrsformen spiegeln. Daraus folgt dann auch, daß in diesen Situationen oftmals außer-sprachliche kommunikative Handlungen (wie körperliche Schläge etc.) den Geltungsanspruch äußern und zwanghaft "ausüben" müssen.
Beispiel: Franz Xaver Kroetz: "Stallerhof", I. Akt, 1. Szene (Stallerin - Beppi)
6. Entscheidungsgespräche(Gespräche mit dem Gestus des Sich-Entscheidens als Ergebnis eines zugleich intersubjektiv und reflexiv geführten Kommunikationsprozesses): Diese Gespräche sind vor allem, im Unterschied etwa zu den regressiv-analytischen Enthüllungsgesprächen, durch eine prozeßhafte und "progressive" Form gekennzeichnet. Das heißt: sie bewirken, in der Entwicklung des Gesprächs vom Anfang bis zum Ende, eine Einstellungs- und Verhaltensänderung (auf der Seite eines oder einiger Sprecher), die zu einer im Gesprächsfortschritt begründeten Entscheidung führt. Diese Form des Gesprächs verweist auf den Diskurs immerhin deshalb, weil die zur Entscheidung führende Selbstreflexion (des einen Sprechers) sich vor allem in der Bewegung der inhaltlichen Argumente, auf der Ebene der Verständigung über Gegenstände also, entfaltet. Natürlich gibt es auch "falsche" Entscheidungsgespräche, die der Täuschung scheinbar argumentativ herbeigeführter Entscheidungen unterliegen, in Wahrheit aber in ungeprüften und unproblematisierten (metakommunikativen) Bedingungen festgebunden sind: z. B. in der emotionalen Bindung an den Gesprächspartner (Beziehungsaspekt) oder in den kontingenten Bedingungen der Kommunikationssituation.
Beispiel: Jean-Paul Sartre: "Die schmutzigen Hände", 7. Bild (Olga - Hugo)
7. Diskurs-Gespräche (Gespräche mit der deutlichen Tendenz zum Diskurs): Als Vorgriff auf eine ideale Sprechsituation sind sie zunächst nur in literarischen Modellen uneingeschränkt gegeben. Als "ideal" gilt eine Sprechsituation, "in der die Kommunikation nicht nur nicht durch äußere kontingente Einwirkungen, sondern auch nicht durch Zwänge behindert wird, die aus der Struktur der Kommunikation selbst sich ergeben. Die ideale Sprechsituation schließt systematische Verzerrung der Kommunikation aus. Nur dann herrscht ausschließlich der eigentümlich zwanglose Zwang des besseren Argumentes [...]." (Habermas)
Beispiel: Friedrich Schiller: "Don Carlos", III. Akt, 10. Szene (König - Marquis)
(Zusammengestellt nach: Dietrich Steinbach u. a.: Formen des Gesprächs im Drama. Stuttgart: Klett 1977. S. 13 - 15 und 45 - 61.)